Doppelausstellung von Sofie Siegmann
A.Schneider, Südkurier, Montag, 9.März 1998

An den Wanden hängen Fotos von Kacheln, die alles ausdrücken:
Pure Lebensfreude durch klare Farben. Eine Blume bricht durch die zähe Asphaltdecke.
Ein rosa Schwein grinst freundlich. Verrückt und gleichzeitig vertraut.
Seit vergangenen Freitag ist in der Lände in Kressbronn ein Teil des Werkes von
Sofie Siegmann zu bewundern. Eine Doppelausstellung. Der Teil im Hauptraum ist der Arbeit
Sofie Siegmanns mit Jugendlichen in amerikanischen Grossstädten gewidmet. "Stop, Look, Listen",
so der Titel. Mit den Kids realisiert die Künstlerin Wandbilder und Keramiken.
Die Jugendlichen stammen teilweise aus schwierigen Verhältnissen und verwahrlosten
Gegenden. Sie verschönern die Umgebung, aus der sie kommen, selbst.
Zielgerichtete Kunst statt planloser Graffiti. Die Jugendlichen sind stolz auf ihre
Arbeit, sagt Sofie Siegmann bei der Vernissage. In den Kunstzentren treffen sie ihre
Freunde, sind von den Strassen weg. "Freundschaft ist wie ein Kaugummi, der unterm Tisch
klebt", ist in englisch auf einer der Kacheln zu lesen. Im kreativen Ausdruck der jugendlichen
Künstler steckt viel Situationskomik, obwohl ihr persönlicher Kontext dem Betrachter
bedrückend erscheint. Sofie Siegmann behauptet nicht von sich, dem Leben der Jugendlichen
durch die Arbeit Sinn zu geben. Der Sinn stellt sich von alleine ein. Die Kunstwerke entstehen,
weil sie gebraucht werden. Darin steckt die Lebensfreude.
Vital und üppig sind auch Sofie Siegmanns eigene Bilder, die im Obergeschoss der Lände
hängen. Da passiert alles und gar nichts. Für den Betrachter lässt
das alle Möglichkeiten offen. Aus der Distanz genau so wie aus der Nähe.
Die meisten der Kunstwerke sind grossflächig, bis zu drei auf drei Meter.
Diese Kunst ist schrill, ohne grell zu wirken. Spielt verrückt, ohne aufdringlich zu sein.
Macht den Betrachter satt und zufrieden, ohne zu überfüttern.
Beim Malen arbeitet Sofie Siegmann spontan und intuitiv. Hier muss ich kein Konzept
ausführen, stehe nicht unter Termindruck. Für sie ein Gegenpol zur Arbeit mit den
Jugendlichen.
Kritiker mögen dieser Kunst vorhalten, sie verneine durch ihre Lebensfreude und Farbigkeit
die Auseinandersetzung mit Problemfeldern. Für Lorenz Göser, der mit
einem kurzweiligen und launigen Vortrag in Sofie Siegmann Kunst eingeführt hat, stimmt das so
nicht. Dass Sofie Siegmann diese Probleme sehr wohl sieht, drückt sich schon
darin aus, dass sie mit diesen Jugendlichen arbeitet. Lorenz Göser fragt sich eher, wo
diese Freude herkommt. Und wundert sich, dass Sofie Siegmann, als sie mit ihrem bis unters
Dach vollgestopften Kleinbus nach Deutschland einreist, die kalifornische Sonne nicht
extra verzollen muss. Sozusagen als Extra-Genussmittel.
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